Ratgeber · Stand 27.10.2026

Pflegegrad bei AuDHS

Dein Kind hat Autismus und ADHS. Es braucht Routinen und hält sie trotzdem nicht durch. Es sucht Neues und bricht bei Veränderungen zusammen. Dieser Spagat kostet euch jeden Tag Kraft, und er gehört in den Gutachtertermin.

Kurz gesagt

  • AuDHS ist keine eigene Diagnose. Der Begriff beschreibt Kinder, die sowohl eine Autismus- als auch eine ADHS-Diagnose haben.
  • Zwei Diagnosen werden nicht addiert. Es zählt der gesamte Hilfebedarf im Alltag, im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern.
  • Bei AuDHS ist der Bedarf oft hoch und schwankend. Beschreibe eine typische Woche mit guten und schweren Tagen.
  • Achte darauf, dass im Termin beide Seiten sichtbar werden: die autistischen Reize und Ängste und die ADHS-typischen Impulse und das Nichtanfangen.

Nicht die Diagnose zählt, sondern der Alltag

Pflegebedürftig ist ein Kind, wenn es wegen gesundheitlicher Gründe in seiner Selbstständigkeit eingeschränkt ist und deshalb Hilfe von anderen braucht. Diese Einschränkung muss voraussichtlich mindestens sechs Monate bestehen. Das steht in § 14 SGB XI.

Ein Pflegegrad ist also auch ohne körperliche Pflege möglich. Hilfe heißt auch: erinnern, anleiten, beaufsichtigen, einen Teil übernehmen. Viele Eltern halten diesen Aufwand für normal, weil sie ihn schon so lange leisten.

Die Bereiche, die oft betroffen sind

Der Medizinische Dienst bewertet sechs Bereiche, die Module. Die Mobilität (Modul 1, 10 %) ist bei den meisten Kindern unauffällig. Wichtig sind vor allem diese:

Modul 2 · Verstehen und Planen

Gefahren werden oft doppelt schlecht eingeschätzt: impulsiv losgerannt und dabei die Situation nicht gelesen. Abläufe planen und Absprachen einhalten gelingt selten allein.

Modul 3 · Verhalten

Meltdowns aus Überreizung und Wutausbrüche aus Impuls können sich abwechseln oder verstärken. Notiere Auslöser, Häufigkeit, Dauer und was danach nötig ist. Von Modul 2 und 3 zählt nur der höhere Wert.

Modul 4 · Selbstversorgung (40 %)

Waschen und Anziehen scheitern einmal an Reizen, einmal am Anfangen. Beim Essen kommen oft selektives Essen und Ablenkung zusammen. Aufsicht und Auffordern beim Essen können zählen.

Modul 5 · Therapie und Medikamente

Häufig gibt es mehrere Therapien und Medikamente. Wer organisiert, begleitet, gibt und kontrolliert? Wie oft? Wenn dein Kind Angst vor Untersuchungen hat und du es beruhigen musst, ist das eigene Hilfe.

Modul 6 · Alltag und soziale Kontakte

Der Tag braucht Struktur, die immer wieder angepasst werden muss. Freizeit und Kontakte klappen oft nur mit enger Begleitung.

Der Vergleich mit gleichaltrigen Kindern

Bei Kindern wird nur die Hilfe gezählt, die über das hinausgeht, was ein gleichaltriges, gesundes Kind braucht. Ein vierjähriges Kind braucht beim Anziehen Hilfe, das ist normal. Ein neunjähriges Kind, das jeden Morgen Schritt für Schritt angeleitet werden muss, nicht.

Bis zum 11. Geburtstag gibt es dafür in der Begutachtungsrichtlinie eigene Altersvorgaben. Danach wird wie bei Erwachsenen bewertet. Für Kinder unter 18 Monaten gelten Sonderregeln.

Neu seit 01.10.2026: Die überarbeitete Begutachtungsrichtlinie stellt klar, dass auch Aufsicht und Auffordern beim Essen zählen können, wenn ein Kind motorisch allein essen kann, und dass Hilfe bei Angst vor Behandlungen ein eigener Unterstützungsbedarf ist. Eine neue Tabelle zeigt, welche Kriterien in welchem Alter gelten.

Warum der Bedarf so schwankt

Bei vielen Kindern mit AuDHS hängt fast alles vom Zustand des Tages ab: Schlaf, Schule, Reize, Medikamentenwirkung.

Ein guter Tag im Termin sagt deshalb wenig. Beschreibe, an wie vielen Tagen pro Woche es gut geht und an wie vielen nicht, und was an schweren Tagen nötig ist.

Ein Pflegetagebuch über 14 Tage zeigt dieses Muster am besten.

So bereitest du den Termin vor

  1. Pflegetagebuch über 14 Tage. Morgen, Schule, Nachmittag, Abend und Nacht. Was hat dein Kind selbst geschafft, welche Hilfe war nötig, wie oft, wie lange?
  2. Jede Situation in fünf Fragen beschreiben. Was genau passiert? Was schafft dein Kind allein? Welche Hilfe gibst du? Wie oft und wie lange? Was würde ohne dich passieren?
  3. Häufigkeit mit Zeitraum. Statt „ständig“ lieber „an 5 von 7 Abenden, etwa 40 Minuten“.
  4. Unterlagen sammeln. Berichte von Kinderarzt, SPZ, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Therapeuten, Einschätzungen von Kita oder Schule, Medikationsplan. Wichtige Stellen markieren.
  5. Ein Spickzettel. Eine Seite mit euren fünf wichtigsten Beispielen. Ablesen im Termin ist erlaubt.
  6. Dein Kind muss nichts vorführen. Keine Krise provozieren. Schwierige Themen kannst du ansprechen, wenn dein Kind nicht im Raum ist.

Welche Bereiche sind bei euch wichtig?

Der kostenlose Pflegegrad-Alltags-Check führt dich in wenigen Minuten durch euren Alltag. Deine Antworten bleiben in deinem Browser.

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Was euch 2026 zustehen kann

PflegegradPunktePflegegeld pro Monat
112,5 bis unter 27kein Pflegegeld
227 bis unter 47,5347 €
347,5 bis unter 70599 €
470 bis unter 90800 €
590 bis 100990 €

Dazu kommen unter anderem der Entlastungsbetrag von 131 € im Monat (schon ab Pflegegrad 1, für anerkannte Angebote) und ab Pflegegrad 2 ein gemeinsamer Jahresbetrag von bis zu 3.539 € für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege. Wenn ihr nur Pflegegeld bekommt, ist regelmäßig ein Beratungsbesuch Pflicht. Und als pflegende Mama oder pflegender Papa können für dich Rentenbeiträge gezahlt werden.

Geplante Reform ab 2027: Nach dem Kabinettsentwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes vom 30.09.2026 sollen die Punktgrenzen für Pflegegrad 1 bis 3 steigen (15, 30 und 50 Punkte) und Leistungen zu Budgets werden. Wer schon einen Pflegegrad hat, soll Bestandsschutz bekommen. Das Gesetz ist noch nicht beschlossen.

Wenn der Bescheid nicht passt

Fordere das Gutachten an, falls es nicht beiliegt, und vergleiche es Bereich für Bereich mit eurem Pflegetagebuch. Ein Widerspruch muss in der Regel innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe des Bescheids bei der Pflegekasse eingehen. Die Frist steht in der Rechtsbehelfsbelehrung. Die Begründung kann nachgereicht werden.

Häufige Fragen

Gibt es AuDHS als offizielle Diagnose?

Nein. AuDHS ist ein Begriff aus der Community für Menschen mit Autismus und ADHS. In der neuen internationalen Klassifikation ICD-11 können beide Diagnosen gleichzeitig gestellt werden, in der älteren ICD-10 galt das als ausgeschlossen. In Deutschland wird für die Abrechnung derzeit noch die ICD-10-GM verwendet.

Bekommt mein Kind mit zwei Diagnosen eher einen Pflegegrad?

Nicht wegen der Anzahl der Diagnosen. Entscheidend ist der tatsächliche Hilfebedarf. Bei vielen Kindern mit AuDHS ist er allerdings hoch, weil sich die Schwierigkeiten verstärken.

Was, wenn die Diagnosen noch nicht beide gestellt sind?

Auch dann kannst du den Pflegegrad beantragen. Es zählt die Einschränkung im Alltag, die voraussichtlich mindestens sechs Monate besteht. Lege vorhandene Berichte bei und reiche neue nach.

Wie beantrage ich den Pflegegrad?

Ein formloser Anruf oder ein kurzes Schreiben an die Pflegekasse genügt, sie sitzt bei eurer Krankenkasse. Ab diesem Tag zählt der Antrag. Das Formular kommt danach. Die Pflegekasse soll in der Regel innerhalb von 25 Arbeitstagen entscheiden.

Wird mein Kind zu Hause begutachtet?

Bei Kindern unter 14 Jahren und bei der ersten Begutachtung findet der Termin in der Regel als Hausbesuch statt. Video oder Telefon kommen nach den Richtlinien nur in bestimmten Fällen in Betracht, etwa bei Höherstufungen ab 14 Jahren.

Über mich

Ich bin Silja. Ich habe über 10 Jahre bei einer Krankenkasse gearbeitet und weiß, worauf bei Anträgen und Begutachtungen geachtet wird. Gleichzeitig bin ich Mama eines autistischen Kindes mit ADHS. Ich kenne also beide Seiten.

Mehr zur Vorbereitung mit mir

Quellen

Stand: 27.10.2026. Dieser Ratgeber dient der Orientierung und ersetzt keine Rechts-, Sozial- oder Pflegeberatung. Niemand kann einen bestimmten Pflegegrad versprechen. Für eine verbindliche Auskunft wende dich an deine Pflegekasse oder eine Pflegeberatung nach § 7a SGB XI.